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Währenddessen (KW 27)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Niklas: Cyberpunk und Videospiele; damit habe ich mich in den letzten Wochen hauptsächlich beschäftigt.

Als erstes wäre da das Adventure Technobabylon von Wadjet Eyed Games, das Elemente aus Ghost in the Shell und Beneath A Steel Sky vermischt und daraus eine spannende Kriminalgeschichte strickt. Schön ist, dass die Rätsel die Spielwelt erklären, also Teil der Handlung sind und nicht nur künstliche Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Ich bekomme acht Stunden solide Unterhaltung und bekam sogar Lust mich mal wieder selbst an Cyberpunk zu versuchen. Oder Beneath a Steel Sky zu spielen, mal sehen.

In Leap of Fate habe ich dagegen mehr als fünfzehn Stunden reingesteckt und ich fürchte es werden noch mehr. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Cyborg und drei Magier flüchten in den New Yorker Untergrund, um sich dort durch sechs magische Welten zu kämpfen und zu einem höheren Wesen aufzusteigen. Magie steht eindeutig in Leap of Fate im Vordergrund und das Szenario bedient sich lediglich einiger Versatzstücke des Genres (böse Konzerne, Verschwörungen, finstere Labore), aber das ist schon in Ordnung, da das Szenario frisch ist und das Gameplay süchtig macht. Wer Diablo oder andere Roguelikes gespielt hat, bekommt hier schnelle, actionhaltige Kost vorgesetzt, die mit freischaltbaren Storyschnipseln belohnt (die außerdem gut geschrieben sind) und mich wohl noch weiterhin am Bildschirm fesseln wird. Ich muss schließlich noch den schweren Schwierigkeitsgrad mindestens einmal beenden. Wahrscheinlich wird es noch etwas dauern. Mist.

Mit Satellite Reign: Reboot schummel ich vielleicht ein bisschen, denn es ist eine Novelle. Eine Novelle, die allerdings als Bonus zum Spiel Satellite Reign beigelegt ist, das versucht den Klassiker Syndicate wiederzubeleben. Reboot spielt aus Sicht zweier Klonkrieger eines Konzerns und wie diese mit ihrer unsterblichen Existenz zurechtkommen müssen. Die Geschichte erhält genug Tiefe, um das Szenario zu verstehen, das Buch ist aber schnell in einer Stunde durchgelesen. Es lenkt also genug ab, bis ich wieder zu Leap of Fate zurückkehre. Wie gesagt, da wartet noch der schwere Schwierigkeitsgrad darauf durchgespielt zu werden. Mist.

Christian: Zugegeben, es hat lange gedauert, bis ich mit den modernen Phantomias-Comics warm wurde, die seit einigen Jahren in den Premium-Ausgaben des Lustigen Taschenbuchs abgedruckt werden. Genau genommen bis vorletzte Woche, denn dann habe ich, mehr zum Jux, das Lustige Taschenbuch 493 mit dem Titel Vereinte Kräfte gekauft. Das Cover sah einfach umwerfend gut aus. Die erste Story, ein Crossover zwischen Phantomias und Agent DoppelDuck, einer weiteren obskuren Figur aus dem italienischen Disney-Kosmos, ist reinster Eye-Candy, moderner Disney-Stil vom allerfeinsten. Das Lesen gestaltete sich für mich einigermaßen anspruchsvoll, denn die Story setzt einiges Grundwissen über die verschiedenen Entwicklungslinien voraus, die Donald Duck in seinen Parallelexistenzen als Phantomias und Agent DoppelDuck durchlaufen hat. Nach etwa 40 Seiten aber fing die Story an, mich zu flashen. Eine derart ernsthafte Story über mehrfache Identität und Zeitkriminalität hätte ich nicht erwartet, und am Ende gab es noch einen eleganten Brückenschlag zur allerersten Phantomias-Geschichte, Die Verwandlung. Das ist teilweise fast schon näher an Philip K. Dick als an Carl Barks und machte mich neugierig.

Aus Vereinte Kräfte, © Egmont

Alte Lustige Taschenbücher aufzutreiben ist nicht schwer, und so habe ich begonnen, die Bücher mit den ersten Agent DoppelDuck-Stories einzukaufen, außerdem Bücher mit dem neuen Phantomias, der mit zeitreisenden Kriminellen, künstlichen Intelligenzen und Cyborgs zu tun hat. Ich lese mich eben noch ein, aber gerade die Stories um Agent DoppelDuck faszinieren mich jetzt schon sehr. Darin wird ein völlig neuer Kosmos um Donald und einige zentrale Figuren wie Daisy und Gustav aufgebaut, der um einiges erwachsener ist als gewohnt. Die ersten Stories in den Taschenbüchern 384 bis 388 lassen schon gutes ahnen, aber einige Klischees um Doppelagenten wiederholen sich auch und lassen die Erzählung auf der Stelle treten. (Soweit würde man auch nichts anderes von Disney-Comics erwarten, die ja immer den gleichen Status Quo haben.) Mit dem Fünfteiler, der im LTB 401Agent ohne Angst, beginnt, ändert sich das aber entscheidend. Ein ähnlich raffiniertes Verwirrspiel über Geheimidentitäten kenne ich nur noch aus Grant Morrisons The Invisibles. Ein Agent der sich als Doppelagent entpuppt, wäre ja noch normal, und ein Doppel-Doppelagent ist auch noch nichts völlig Neues, aber hier wird das bis nahezu ad inifinitum zugespitzt, bis die Frage nach der tatsächlichen Identität irrelevant wird. Aber auch die Inszenierung ist nicht von schlechten Eltern: Lange Passagen bleiben textlos und erzählen alleine in Bildern, die Story ist brutaler (natürlich in einem gewissen Rahmen) und einige Figuren haben tatsächlich Sex-Appeal. Es fließen Elemente ein, die man aus Serien wie 24 oder The Prisoner kennt. Wer sich auf diese (nicht mehr ganz) neue Variante von Disney-Comics  italienischer Prägung einlässt, darf sich auf ein unerwartetes, aber erfreuliches Leseerlebnis freuen.

Aus LTB 405. © Egmont

Stefan: Eigentlich wollte ich zum vierten Mal Ellie Goulding live in Hamburg erleben. Um dafür ein Ticket zu bekommen, musste man entweder 200 Euro für die Karten bezahlen oder sich vorab für die Organisation Global Citizen engagieren. In Zusammenarbeit mit Live Nation, YouTube und anderen veranstaltet diese Gruppe Konzerte mit großen Namen wie Metallica, Rihanna, Foo Fighters u. v. m. und serviert seinen Mitgliedern mundgerecht vorbereitete Möglichkeiten zur Teilhabe: vorverfasste Tweets, Unterschriftenlisten, die nur noch online angeklickt werden müssen usw. Deutlich bequemer als der mitunter mühsame und langweilige Einsatz in Parteien und Bürgerinitiativen. Instant-Protest bequem vom Smartphone aus, aber allemal besser als gar kein Engagement.

Der Fokus 2017 liegt insbesondere auf Afrika und es galt sich für Gleichberechtigung von Frauen, für Bildung für Alle, für sauberes Trinkwasser und gegen den Klimawandel u. v. m. einzusetzen. Das Konzert wurde live auf ARD One und auf YouTube übertragen und wird über den G20-Gipfel hinaus Gesprächsthema bleiben, allein deshalb weil Fans von Coldplay, Sido, Lena, Shakira, Grönemeyer und Co. die Clips ansehen werden. Die Show ging von 19 Uhr bis Mitternacht. Zwischen den Auftritten der Musiker kamen immer wieder Gäste auf die Bühne wie Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz oder Sigmar Gabriel, der seine Volkstümlichkeit dadurch betonen wollte, indem er darauf hinwies, dass er noch “nie mit Krawatte auf einem Rockkonzert” war – diese beiden Politiker waren die einzigen Gäste, bei denen neben Applaus auch deutliche Buh-Rufe aus dem Publikum kamen. Ansonsten war es eine wirklich völlig andere Konzertatmosphäre als üblich, eben noch ein Einspielfilm über Ebola, anschließend steht ein Arzt auf der Bühne, der die Seuche bekämpft hat. Pop-Sternchen Demi Lavato, Andreas Bourani und Sido, der Präsident der Weltbank stehen im fliegenden Wechsel auf der selben Bühne, ein Flüchtling aus Syrien mit einer Rede auf Arabisch ohne Übersetzung und der Pop-Star unter den Politikern: Kanadas Premierminister Justin Trudeau.

Die Dramaturgie der Show war etwas befremdlich, begann sie doch mit Coldplay gleich mit dem größten Highlight und endete mit Herbert Grönemeyer, der für den überwiegenden Teil des aus 20 bis 30-jährigen bestehenden Publikums wohl kaum die selben Gefühle erwecken dürfte wie die Helden ihrer Generation: etwa Ed Sheeran oder Justin Bieber – der Bochumer musste dann auch vor einer sich zunehmend leerenden Arena spielen. Das zuvor groß angekündigte, spektakuläre Finale war ein Duett von Grönemeyer und Coldplays Sänger Chris Martin, der sich bei “Mensch” auf Deutsch versuchte und bereits früher am Abend mit Shakira auf Spanisch gesungen hatte. Insgesamt ein denkwürdiger Abend, ein großartiges Konzert und ja, Ellie Goulding durfte ich auch wieder sehen, leider dauerte ihr Auftritt nur gut zwanzig Minuten. Auf dem Heimweg mit der Bahn äußerten sich die Ausschreitungen beim G20-Gipfel im Wesentlichen durch eine geringfügige Änderung der Fahrtroute der S-Bahn “wegen eines Polizeieinsatzes”.

Keine Ahnung, ob der “Edelprotest” durch das Global Citizen Konzert die Welt verbessern wird, in jedem Fall ist es eine kreative, friedliche und moderne Möglichkeit auf die wirklich drängenden Thema der Welt aufmerksam zu machen, und ich habe mal wieder Ohrwürmer wie die Stadionhymnen “Paradise” und “Something just like this” von Coldplay im Ohr, Musik, die dank Konfettikanonen, blinkenden Armbändern, kunterbunter Lichtshow (und Comicbezug, siehe die Lyrics von “Something like this”!), perfekt den, vielleicht etwas naiven, aber doch mitreißenden Optimismus des Global-Citizen-Konzepts musikalisch perfekt auf den Punkt bringen. Mehr Bilder auf meinem Blog.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.