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Währenddessen… (KW 21)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Christian: Seit drei Jahren schreibe ich nun Woche um Woche die Künstler des Fuck-Yeah-Kalenders an, um ein kurzes Interview und eventuell ein paar exklusive Abbildungen zu erhalten, die wir dann am Montagmorgen als Kalenderblatt der Woche präsentieren. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich nicht deutlich genug bedankt hätte. Diese urfränkische Stoffeligkeit (Nix gesagt is‘ Lob genug) möchte ich aber gerne abschütteln und deswegen sage ich hier nochmal rückblickend auf die letzten drei Jahre:

Danke für eure zahlreichen erhellenden, informativen und unterhaltsamen Beiträge, die Woche für Woche unsere Seite so gut aussehen lassen.

Ich hoffe, dass das noch lange so weitergeht.

Niklas: Ich habe seit 2013 keinen deutschsprachigen Fantasyroman zur zeitnahen Veröffentlichung gekauft. Natürlich habe ich immer noch Fantasy gelesen, aber das waren meistens Kurzgeschichtensammlungen und ältere Werke (alles dabei von 1970 bis jetztisch). Warum das so ist, weiß ich gar nicht. Eigentlich sehr schade, da in den letzten Jahren mehrere interessant aussehende Bücher erschienen sind und Die 13 Gezeichneten zeigt, warum ich das Genre immer noch liebe.

Das neue Buch von Judith und Christian Vogt ist nämlich ein fast sechshundert Seiten schweres Werk um Rebellion und schlechte Kommunikation. Der Plot liest sich zunächst einfach: Imperium besetzt Stadtstaat, Aufständische versuchen Imperiale wieder aus der Stadt zu werfen. Leider sind die Besatzer gar nicht das größte Problem, denn der Rebellen größter Feind sind die Rebellen selbst. Sie streiten und diskutieren und oft fehlt eine klare Organisation und Vertrauen, um wirklich effektiv zu kämpfen. Diese schwierigen Verhältnisse der Charaktere untereinander sind Die 13 Gezeichneten für mich das Highlight des Romans. Die Hauptfiguren sind keine eingespielte Gruppe aus professionellen Soldaten, sondern stammen aus allen Schichten der Bevölkerung, jeder mit eigenen Privilegien (oder Mangel davon) aufgewachsen und geprägt. Und nicht jeder ist für den Kampf geeignet oder lässt sich gerne vorschreiben, was er oder sie zu tun hat. Die Autoren zeichnen damit ein realistisches Bild der klassischen Truppe aus Außenseitern und starken Persönlichkeiten, die für einen gemeinsamen Zweck zusammenkommen, aber im echten Leben vielleicht nicht effektiv wären. Es braucht mehr außer Hass und Ideale, um zu gewinnen, wie auch unsere Helden lernen müssen, wenn sie den nächsten Tag überleben wollen.

Von den komplexen Beziehungen der Figuren abgesehen, gelingt es den Vogts außerdem mit wenigen Sätzen eine greifbare Welt zu erschaffen, die sich am siebzehnten Jahrhundert orientiert. Das liegt vor allem an den Zeichen. Das sind magische Symbole, mit denen sich zum Beispiel Fundamente verstärken oder Wunden heilen lassen. Im Detail werden sie nie beschrieben, aber ihre Wirkung zieht sich durch das ganze Buch, da sie mehr als einmal im Alltag eingesetzt werden, womit sie zum festen Bestandteil des Lebens der Stadtbewohner und ihrer Identität werden. Mit der Historie des Handlungsortes halten die Autoren sich noch zurück, genau wie mit religiösen Ideologien und klassenspezifischen Ritualen. Wahrscheinlich heben sie sich dies für den Nachfolger auf, der nach dem Ende so gut wie sicher ist. Trotzdem ist Sygna (der Handlungsort) jetzt schon ein lebhafter Ort voller potentieller Konflikte, die die Stadt wohl vernichten werden, wenn nicht ein Wunder geschieht.

Richtig zu kritisieren habe ich nur zwei Dinge am Buch: den Anfang und das Ende. Die ersten beiden Kapitel fand ich ein wenig zu schnell, da sie die Hauptfiguren gleich mit einer Actionszene einführen und im zweiten eine weitere hinzufügen, die ein wichtiges Ereignis in der Geschichte darstellt, zu der ich als Leser noch keinen richtige Beziehung habe. Die Rekrutierung eines Hauptcharakters fand ich auch ein wenig zu gekünstelt, aber das lag auch daran, dass ich mich noch nicht im Szenario eingelebt hatte. Beim Ende hingegen hatte ich das Gefühl, dass es ein wenig zu lang war und sich eine vorherige Szene als runderer Schluss geeignet hätte. Ansonsten gibt es noch ein paar Beschreibungen oder Sätze hier und da, wo ich die Stirn runzelte, aber letztendlich hatte ich Spaß und kann den nächsten Band kaum erwarten (einen Charakter aber den Spitznamen „Das Maul“ zu geben, finde ich allerdings immer noch grenzwertig).

Warten muss ich trotzdem. An meinen schlimmsten Tagen bin ich sehr ungeduldig. Hmm, jetzt fällt mir doch tatsächlich einer der Gründe ein, warum ich meistens ein paar Jahre warte, bis ich mir die Bücher kaufe.

Daniel: „War, what am I God for?“ Frei nach dem Protestsong (gesungen von Edwin Starr) frage ich mich, warum der aktuelle (vierte große) God of War-Teil so von Kritikern gehypt wird. Ja stimmt, die Spielwelt sieht wirklich schön aus und die Dialoge sind geistreich getextet. Aber ist dieses Videospiel wirklich so gut?

„Dir gefallen meine Tattoos also nicht?“

Fangen wir bei der Story an, die ist schnell erzählt: Nachdem Kratos alle griechischen Götter getötet hatte, machte es sich der tragische Antiheld in nordischen Gefilden gemütlich, hat eine Familie gegründet und ist alt geworden. Altwerden war bisher kein großer Verkaufsschlager bei den potentiellen Käufern solcher Spieletitel. Deshalb startet das Spiel mit einem Konflikt: Nach dem Tod seiner Frau steht Kratos alleine mit seinem Sohn Atreus am Feuer, das sie verzerrt. Gemeinsam sammeln sie die Asche ein, um sie auf dem höchsten Berg der Welt zu verstreuen. Eigentlich ein schöner Vater-Sohn-Ausflug, wenn da nicht dieser nordische Hooligan vor ihrer Tür stehen würde.

Der Grund, warum sich die Kritiker vor Lob überschlagen, sind die Veränderungen zu den alten God-of-War-Teilen und den Dialogen zwischen Kratos und seinem Sohn. War der Kriegsgott in der Vergangenheit eine reine Kloppmaschine, leidet sein altes Ego hier an den psychischen Wunden, die diese Kämpfe verursacht haben. Er zeigt eine Eigenschaft, die nur wenige Videospielfiguren besitzen: Reue. Die Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn sind wirklich so gut getextet. Sie sind nicht nur Dekor, das die endlosen Kanutouren aufhübscht, sondern zeigen den emotionalen Ballast, der schwerer auf Kratos wiegt als das Gewicht seiner Allzweck-Axt. Die Unterhaltungen vermitteln dem Spieler Kratos‘ Unfähigkeit mit seinem Sohn über den Tod dessen Mutter und seiner eigenen Vergangenheit zu sprechen. Später wir das literarische Duett durch Mimir, den weisen körperlosen Kopf erweitert, dessen Passagen das bedeutungsschwangere Generationsdrama aufheitern.

Aber vermittelt der Vater seinem Sohn wirklich Moral? Er zeigt Atreus zwar, was es heißt ein anderes Wesen zu töten. Doch als der Junge seinem Vater nacheifert, wird ihm ins Gewissen geredet: Gewaltanwendung bitte nur zur Selbstverteidigung. Bei dieser Argumentation kommt es Kratos gelegen, dass die Unmengen an namenlosen nordischen Gegnern alle zuerst angreifen. Jede Sekunde ein neuer Akt der Selbstverteidigung, der stets in einem Gemetzel mit einem blutverschmierten Kratos enden.

God of War bleibt nur ein lineares Hack-and-Slay-Spiel. Die Lehren sind nicht „achte das Leben“, sondern „Verbessere deine Waffen und lass‘ dich von den netten Nebenquests ablenken.“ Der Gott des Gemetzels ist zurück und rechtfertigt den Kauf dieses Spiels mit einer Pseudomoral. Was soll ich sagen, ich hab God of War durchgespielt und „befreie“ nach dem Ende des Spiels noch die Walküren von ihren physischen Körpern. Ich bin ein wirklich guter Held. Ehrlich:

Julian: In den letzten Wochen entdeckte ich das dritte Album von Richard Harris, der vor allem als Schauspieler (Harry Potter, Der Mann, den sie Pferd nannten) und Trinkkumpan von Richard O’Toole in Erinnerung blieb. Doch Harris nahm zwischen 1968 und 1977 diverse Alben (zwei davon unter der Leitung von Jimmy Webb) auf, die alle recht erfolgreich waren. Zumindest der Song MacArthur Park sollte heute noch bekannt sein.

Nach dem bereits wunderbaren A Tramp Shining und seinem großartigen Nachfolger The Yard Went On Forever…, beides schwer zugängliche Konzeptalben, die Jimmy Webb komponierte (heute auf einer CD als MacArthur Park – Richard Harris sings the songs of Jimmy Webb erhältlich), geriet das stimmlich herausragende und konzeptuell zugänglichste My Boy (1971) beinahe völlig in Vergessenheit. Harris covert hier diverse Songs zum Thema „Liebe“, darunter wieder einige von Jimmy Webb und erzählt so die Geschichte eines Mannes, der sich verliebt (Beth), heiratet (Proposal), ein Kind zeugt (This Is Our Child) und bald vor einer schmerzhaften Scheidung steht.

Hört man heute die Songs, verwundert vor allem die Offenherzigkeit, mit der schwierige Themen angesprochen werden, wie etwa Ballad of the Unborn Child, das sich mit Abtreibung und der Sicht auf den möglichen Verlust eines ungeborenen Kindes beider Partner auseinandersetzt. In anderen Songs, etwa My Boy, richtet sich Harris direkt an seinen Sohn und erklärt ihm die Umstände der Scheidung. Highlight indes Jimmy Webbs Requiem. Wie bei vielen Songs des Songwriters (etwa Paper Chase oder Watermark) liefert Richard Harris hier eine definitive Version ab, kein Vergleich zu der soliden Fassung von The 5th Dimension. Nicht nur das Zusammenspiel von Orchester und Band, die in sich stimmigen Arrangements überzeugen, sondern vor allem auch der ausgezeichnete Gesang, der beweist, wie die Stimme des Sängers sich seit dem Debütalbum kontinuierlich verbesserte.

Die drei ersten Alben von Richard Harris kann ich jedem Fan opulenter Musik der späten 1960er / frühen 70er Jahre empfehlen. Lyrisch, kompositorisch und auch gesanglich zählen sie zu den interessantesten Alben der Zeit und präsentieren die Wrecking Crew, jene Musiker, die auch für die Beach Boys, Frank Sinatra oder Cher arbeiteten, in Höchstform.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.

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