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Währenddessen… (KW 17)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Christian: Ich bin inzwischen beim siebten Buch von Robert Kirkmans Comicreihe The Walking Dead angelangt. Unsere kleine Heldengruppe hat sich in einem ehemaligen Gefängnis mit Hilfe des Farmers Hershel Greene ihr kleines Selbstversorger-Refugium geschaffen und lebt von selbst angebautem Gemüse. So weit, so erfreulich. Ein bisschen enttäuscht bin ich aber trotzdem von diesen Survivalisten, wenn sie bedauern, dass sie die ganzen leckeren Tomaten vor dem Winter aufessen müssen, weil sie keine Möglichkeit sehen, sie zu konservieren. Hey, möchte ich sagen, noch nie was von Einmachen gehört? Kochen, pürieren, salzen, würzen und in kleine Marmeladengläser damit. Reicht den ganzen Winter. Und schmeckt.

Aber gerade solche Unzulänglichkeiten geben mir in ganz anderer Hinsicht Zuversicht: Nämlich, dass es mir eben doch möglich sein müsste, selbst irgendwann etwas zu schreiben. Ich schrecke immer noch davor zurück, weil ich Bedenken habe, mein Weltwissen würde nicht ausreichen. Bei Details, so die Angst, würde ich sicher bald einknicken. Das Beispiel von The Walking Dead zeigt aber, dass auch diejenigen, die den großen Schritt gegangen sind, nicht besser sind. Sie zehren von dem, was ihnen zur Verfügung steht – und siehe da, es reicht. Einfach anfangen, egal ob die Details perfekt sind oder optimiert werden können. Das Vertrauen darauf, dass die ursprüngliche Idee trotzdem trägt, wiegt weit stärker.

Und trotzdem stellt sich mir die Frage, ob das Einmachen von Gemüse nicht ebenso wichtig wäre für das Überleben nach dem Weltuntergang wie Schießübungen auf Dosen. Aber wollen wir nicht ungerecht sein, denn The Walking Dead überzeugt gerade durch die häuslichen und ruhigen Momente. Trotzdem glaube ich nicht, dass der echte Bauer Herschel so fantasielos wäre, was seine Tomaten angeht. Da wäre er Robert Kirkman eine Nasenlänge voraus.

Niklas: John Steinbeck, Autor von Romanen wie Früchte des Zorns, versuchte ab 1959 eine Neuübersetzung von Sir Thomas Malorys Le Morte d’Arthur, eine der bekanntesten Versionen der Artus-Sage. Später wurden daraus modernisierte Adaptionen der alten Erzählungen, bis dann noch eigene Geschichten von Steinbeck hinzukamen. Er vollendete sein Werk nie, obwohl er bis zu seinem Tod daran arbeite. Das Ergebnis ist The Acts of King Arthur and His Noble Knights, eine Sammlung von Kurzgeschichten, die thematisch aufeinander aufbauen und in sich geschlossen sind. Sie gehören mit zum Besten, was ich je gelesen habe. Das liegt hauptsächlich daran, dass Steinbecks Figuren komplexe Charaktere sind, die versuchen sich einem Schicksal entgegenzustellen, dem sie nicht entkommen können. Vielleicht machen sie es auch mit ihren Rebellionen gegen die Vorsehung erst möglich, wer weiß. Und auch wenn Steinbeck die Arbeit nie vollendete, ist der Schluss der letzten Geschichte gut genug, um als offenes Ende durchzugehen und Raum für Hoffnung lässt. Es ist einfach ein gutes Buch, ich werde es bestimmt noch einmal durchlesen.

Was meine Ausgabe noch aufwertet, sind die abgedruckten Briefe von Steinbeck, in denen er seine Arbeit am Buch festhält. Vielleicht sind sie sogar noch besser als das Buch, da sie ihre eigene Geschichte erzählen. Der Leser kann mitverfolgen wie der Autor zunächst mit Enthusiasmus am Buch zu arbeiten begann und dann im Laufe der Jahre immer mehr an seinen eigenen Fähigkeiten zweifelte. Ich denke jeder der versucht hat einen längeren Text zu verfassen, seien es Roman oder Artikel, kann Steinbecks Gefühle nachempfinden. Es hilft auch, dass Steinbeck mit viel Liebe und kritischer Reflektion an seine Arbeit heranging. Wir bekommen den Einblick in das Leben eines Mannes, der liebte was er tat und auch ein netter Kerl gewesen zu sein schien. Deswegen hat mir sein letzter Brief meinem Herzen einen kleinen Stich versetzt, als Steinbeck schrieb:

[…] I think, I have something […] I don’t think it’s bad. Strange and different, but not bad.

Du hast einen guten Job gemacht, John. Danke.

Daniel: What is real and what is nutz? Diese Frage stellt sich David Haller, Held der FX-Serie Legion. Haller, alias Legion und Sohn von Professor X, ist ein Mutant. Vielleicht der stärkste aller Mutanten. Seine übersinnlichen Kräfte bringen ihm nur nicht viel, weil er verrückt ist. Glaubt er zumindest. Deshalb spielt der Großteil der ersten Staffel in einer Nervenheilanstalt – und in Davids Hirn. Vielleicht existiert die Anstalt auch nur in seinem Hirn. Die Serie arbeitet mit der Idee des Unterbewusstseins – und dem Bewusstsein darunter. So ein bisschen wie in dem Film Inception ist hinter jeder Tür noch eine weitere und noch eine und noch eine. Nur dass in Legion alle Trainingsanzüge aus den 70ern tragen und darin tanzen. Eindeutig nutz!

Aktuell läuft die zweite Staffel. Das beste daran: Auch hier wird getanzt. Nur kämpft David diesmal nicht gegen sich oder das was in seinem Hirn wohnt, sondern gegen die Apokalypse. Oder hat sich David die auch nur eingebildet. Produzent Noah Hawley hat sich auch in der zweiten Staffel nicht von den Gedankenspielen verabschiedet. Der Plot ist einfacher gestrickt als in der ersten Staffel, doch die wilden Ideen, mit der die Serie ihre Themen vermittelt, sind es nicht. Wie zum Beispiel entsteht ein böser Gedanke? Ganz Galileo-like wird erklärt, das böse Gedanken, wie Küken aus Eiern schlüpfen. Sie ziehen Spuren aus schwarzen Schleim hinter sich her, nur um sich im Hirn der jeweiligen Wirts festsetzen – und dort zu wachsen. Bei mir hat sich Legion bereits festgesetzt als beste Serie in diesem Jahr. Ein bisschen verrückt ist es auch, meine gesammelten Gedanken in einen Newsletter zu packen.
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