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Währenddessen… (KW 15)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Christian: Gestern abends habe ich mir Borgman angesehen, einen niederländischer Thriller, der auch in Cannes im Wettbewerb für die Goldene Palme lief und kurzzeitig als Anwärter für den Ausland-Oscar im Gespräch war. Es ist ein schräg-obskurer Film, angesiedelt in der Grauzone zwischen Michael Haneke und Yorgos Lanthimos; für solche Filme verwende ich gerne das Wort „Kultursplatter“. Der Film beginnt mit einer Menschenjagd auf einige Obdachlose, die in sehr gepflegten Erdlöchern hausen. Die Gejagten sind jedoch gut organisiert und finden dank Borgman, ihrem Anführer, bald eine neue Bleibe im Umfeld einer gut situierten Familie.

Der Film ist sehr elegant gefilmt und ist keine Sekunde langweilig. Die Figuren, die Armen wie die Reichen, sind sehr abgründig angelegt. Die Wohlhabenden leben einen hohlen Wohlstand, der nicht einlöst, was man sich von ihm verspricht, die Obdachlosen wissen dagegen perfekt, wie man eine gefällige Fassade vorlebt. Sie sind höflich, artikuliert und zuvorkommend, allerdings nur an der Oberfläche. Hinterm Rücken kreuzen sie die Finger und tragen sie Messer. Die Motive für die Taten, die sie im Verlauf des Films verüben, bleiben unklar und interpretationsoffen.

Borgman wurde mit Hanekes Funny Games verglichen, weil sich die Motive der Home Invasion teilweise überschneiden. Aber Borgman ist skurriler und weniger pädagogisch. Mit Lanthimos‘ Filmen The Lobster und Dogtooth teilt er die surreale Atmosphäre und das Rätselhafte, insgesamt ist Borgmann aber ein kleines Stück näher am Thriller. Es kommt einen in den Sinn, Motive von Klassenkampf und Verteilungskonflikten in das Gezeigte hineinzulesen, aber das erscheint auch wie eine sehr plumpe Lesart, denn der Film ist zu schön, als dass man ihn so eindeutig politisch interpretieren möchte. An einigen Stellen wirkt die Handlung auch, als handle es sich um ein Märchen, denn einerseits handeln die Figuren zwar irrational, aber sie sind auch sehr schablonenhaft angelegt. Mich hat beim Betrachten aber auch noch ein weiteres Gefühl beschlichen, das mir noch aus meiner Kindheit und Jugend vertraut ist. Die oft sehr seltsame Interaktion zwischen Menschen, vor allem wie sich die Obdachlosen gegenüber den Kindern der Familie benehmen, spiegelt wider, was Kinder empfinden, wenn sie das Verhalten Erwachsener noch nicht richtig einordnen können. Ein Gefühl von Fremdheit im Alltag, in dem auch das schrägste Verhalten plausibel erscheint, einfach weil man es nicht anders kennt. Im Grunde halte ich das für die Essenz von Surrealismus.

Niklas: Vor elf Jahren kaufte ich mir den vierten Band von Kurt Busieks Magnum Opus Astro City, eine Miniserie über einen ehemaligen Superschurken, der versucht, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Die Geschichte war gut, aber ich fand sie immer zu sentimental und nach Watchmen kam sie mir wie nichts Besonderes vor. Ich las erst seit drei Jahren Comics und hatte noch keine Ahnung vom Medium.

Letztes Jahr habe ich begonnen, die komplette Reihe zu lesen. Das waren über hundert Hefte, verteilt über einen Zeitraum von über zwanzig Jahren, ein riesiger Kosmos, der immer etwas langsam, aber trotzdem gut erzählt wurde. Ich habe die Serie zu lieben gelernt und verstehe nun, warum sie bis heute so geschätzt wird. Denn Astro City ist, trotz aller Kämpfe mit Aliens und bösen Göttern, keine Serie über Helden, sondern über Menschen und deren Probleme. Das Alter stoppt auch die größten Helden, das Trauma von Invasionen und realitätszerstörenden Ereignissen verschwindet nicht nach dem letzten Heft und selbst, wenn jemand für die mächtigste Magierin der Welt arbeitet, muss diese Person immer noch ihre Rechnungen zahlen. In einer Welt, in der das Besondere als Alltag existiert, sind auch Superhelden nur ein Teil einer komplexen Realität und sind daher auch nicht die Lösung für alle Probleme. Ihr Job ist fast schon langweilig, denn nun haben sie echte Verantwortung. Das macht sie glaubhafter als einen Batman, der sich immer in seine Höhle zurückzieht und nie etwas gegen seine Neurosen unternimmt. Auch wenn man sagen könnte, dass es spießig ist, wenn eine Serie eine Sekretärin oder den Feuerwehrmann von nebenan als die wahren Helden preist, ist es nur gerechtfertigt, weil es auch betont, dass Menschen mit unterschiedlichen Begabungen überall gesucht werden. Es mag zwar cool aussehen, wenn einer der Supermen dieser Welt ein großes Monster zusammenschlägt, aber was wäre, wenn eine einfühlsame Psychologin viel mehr erreichen könnte, wenn sie ihm beibrächte, mit seinen übernatürlichen Neurosen umzugehen? (Die Geschichte muss Busiek übrigens noch erzählen.) Trägt das auf längerer Sicht nicht eher zu einer besseren Welt bei, als die Schurken wegzusperren, im Wissen, dass sie nächste Woche wieder ganze Häuserblocks einstampfen werden?

Nächsten Monat erscheint mit Nummer 52 das letzte Heft bei Vertigo, danach werden Busiek und Zeichner Brent Anderson zum Graphic Novel-Format wechseln, um endlich wieder größere Geschichten erzählen zu können. Ich bin gespannt, auch wenn ich gerne der Sekretärin der Magierin zugeschaut habe, die für mich immer die wahre Heldin sein wird. Denn, ganz ehrlich, das ist sie. Sekretärin der Magierin zugeschaut habe, die für mich immer die wahre Heldin sein wird. Denn, ganz ehrlich, das ist sie.

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