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Währenddessen … (KW 14)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Christian: Im Winter habe ich mir die Sherlock Holmes-Gesamtausgabe des Haffmanns Verlag zugelegt – eine sehr schön aufgemachte, allerdings schon etwas angejahrte Edition – und ziemlich zügig den ersten Roman Eine Studie in Scharlachrot gelesen. Ein toll strukturierter Krimi, dessen raffinierte Erzählweise noch heute frisch wirkt wie am ersten Tag. Wie innovativ muss die Story erst zum Zeitpunkt ihres Erscheinens gewirkt haben? Damals wurde der moderne Krimi ja quasi erfunden und von Autoren wie Sir Arthur Conan Doyle und Wilkie Collins wurden bald Standards gesetzt, die bis heute gelten. Auch Eine Studie in Scharlachrot ist raffiniert konzipiert. Zunächst wird auf knapp 80 Seiten schnörkellos bis zur Verhaftung des Täters erzählt, aber dann schlägt das Buch einen erzählerischen Haken: Eine neue Handlung beginnt, zeitlich einige Jahre vor der Haupthandlung angesiedelt, aber nur wenige Andeutungen zeigen zunächst einen Bezug zur ersten Hälfte auf. Mit dieser zweiten Erzählung werden nach und nach die Leerstellen bereinigt, die im ersten Teil behutsam platziert worden waren, bis sich gegen Ende die beiden Handlungsfäden verschränken. Es macht Freude, diese alten Stories zu entdecken, denn vieles, was heute klischeehaft und auserzählt wirkt, fühlt sich in den Klassikern noch frisch und unverbraucht an. Und die Innovationsfreude und das Spiel mit wechselnden Erzählperspektiven wurde damals schon auf die Spitze getrieben.

Die Haffmanns-Ausgabe war eine gute Wahl. Beinahe hätte ich mich nämlich für die dreibändige Edition mit Titel The New Annotated Sherlock Holmes in der Originalsprache entschieden. Diese Reihe enthält Anmerkungen des Sherlock Holmes-Experten Leslie S. Klinger, ein Mitglied gleich mehrerer Sherlock Holmes Zirkel, unter anderem den Baker Street Irregulars. Zwar dürfte die Sherlock Holmes-Gesamtausgabe Klingers größte und reifste Leistung sein, dennoch fürchte ich, dass sein Stil, Anmerkungen zu gestalten, einem Holmes-Einsteiger wie mir die Lektüre unnötig erschwert.

Vor ein paar Jahren habe ich mir Klingers The New Annotated Dracula zugelegt. Eigentlich wollte ich nur den Klassiker in einer gediegenen Ausgabe haben und da schien mir eine moderne Auflage mit Anmerkungen gerade recht. Nur: Leslie S. Klingers Vorgehensweise kann man wohl durchaus als exzentrisch bezeichnen. Klinger geht davon aus, dass Bram Stoker mit dem tatsächlichen Grafen Dracula Kontakt hatte und von diesem unter Druck gesetzt wurde, so dass Stoker durch einige Verfälschungen dessen Existenz verschleiern musste. Klinger tritt also als Detektiv auf, trennt präzise authentische von erfunden Fakten und liefert auf diese Weise ebenso originelle wie interessante Ergebnisse. Trotzdem wurde ich vor fünf Jahren nicht recht schlau daraus, denn die Fülle an Anmerkungen schien mir absurd. Allein der Überschrift mit Untertitel wird eine ganze Seite Anmerkungen gewidmet und auf die erste Seite Text folgen sechs Seiten Fußnoten, bevor auf der siebten Seite der Haupttext weitergeht, dort aber schon wieder von Anmerkungen bedrängt und quasi an den Rand gedrückt wird.

Inzwischen ist mir klar: Hier geht es nicht um den Roman, hier geht es nur und ausschließlich um die Anmerkungen. Ähnlich dürfte die wissenschaftliche Neuausgabe von Hitlers Mein Kampf aufgebaut sein. Mit so einer Fülle an Fußnoten bekommt man jeden Text klein und raubt ihm die ursprüngliche Wirkung. Was aber fast noch wichtiger ist und was mir soeben erst aufgefallen ist: Im Grunde ist Leslie Klingers Anmerkungswerk ein einziger elaborierter – und übrigens ziemlich gelungener – Witz. Erst wenn man es von der Warte betrachtet, dass es sich hier um die Parodie auf wissenschaftliches Arbeiten handelt, macht die Pedanterie Sinn, mit der Klinger jede noch so kleine Marginalie durchleuchtet. So widmet er beispielsweise dem Umstand, dass Jonathan Harker in Ungarn ein Paprika-Hendl isst, eine Fußnote von einer halben Seite, in der er über verschiedene Arten, Hendl zuzubereiten räsoniert. Interessant ist auch, wie Klinger bewertet, dass Jonathan Harkers Reiseberichte frappierende Ähnlichkeit mit mehreren damals erhältlichen Reiseführern hätten. Dafür hat er mehrere mögliche Hypothesen:

  1. Jonathan Harker hat schlichtweg dasselbe beobachtet wie die Autoren damaliger Reiseführer (unwahrscheinlich).
  2. Harker war ein fauler Journalist und hat die Beschreibungen einfach abgeschrieben.
  3. Vielleicht hat Mina Harker die Aufzeichnungen manipuliert, um das Image ihres Mannes aufzubessern.
  4. Bram Stoker hat die Aufzeichnungen manipuliert und aufgepeppt, um mit Ortskenntnissen zu glänzen.
  5. Oder das ganze ist nur eine Cover-Story, um die wahre Herkunft von Dracula zu verschleiern.

So wird deutlich, dass der Ansatz von vorneherein ein spielerischer und parodistischer ist. Leslie Klingers Annotated Dracula ist ungefähr so wissenschaftlich wie das populäre Fake-Sachbuch Warum Katzen malen. Eine Theorie der Katzen-Ästhetik (Heather Busch, Burton Silver) oder auch Robert Mashs Dinosaurier [nicht nur] für Haus, Hof und Garten: Ein praktischer Ratgeber für den modernen Tierfreund. Letzteres hat sogar ein Vorwort des Evolutionsbiologen Richard Dawkins, was immerhin beweist, dass Wissenschaftler im anglo-amerikanischen Raum sich schon immer gerne für solche verschrobenen Spinnereien hergegeben haben. Inzwischen versuche ich gar nicht mehr, den Klassiker Dracula in der Ausgabe von Klinger zu lesen, nehme diese aber immer wieder als Lesebuch zur Hand, um mich über einige der verschrobenen Anmerkungen zu amüsieren. Da ich mit der ursprünglichen Dracula-Story mehr als vertraut bin, kann ich dieses Spiel genießen. Dracula-Neuleser sollten aber lieber mit einer Version ohne Anmerkungen beginnen. Es gibt darin schließlich nichts, was einem unbedingt erklärt werden müsste.

Die Holmes-Bücher von Haffmanns haben jeweils einen kurzen Anhang mit Anmerkungen. Diese sind unaufdringlich und trotzdem sehr bereichernd.

Stefan: Diese Woche haben mich zwei Ereignisse zum Thema Popmusik beschäftigt, die auch für die Kunstform Comic und für uns als Kritiker bei Comicgate spannend sind. So empfinde ich es zumindest. Zum einen nahm sich Jan Böhmermann mit dem Hashtag #echo2018 der Echoverleihung an. Der Preis orientiert sich komplett an den Verkaufszahlen. Wer all die Werke von Helene Fischer, Max Giesinger und Co. nicht ausstehen kann, darf nun einen heroisch-subversiven Akt des Widerstands gegen das belanglose Formatradiogedudel leisten und konsequent einen Song in die Charts und vielleicht gar zum Echo 2018 hieven, der nicht nur klingt wie aus dem Baukasten, nein, er wurde sogar buchstäblich von Schimpansen komponiert:

Das war Satire. Lustig, in einigen Punkten etwas zu flach und einseitig, denn schließlich mögen eben viele Menschen diese Art von Musik. Interpreten wie Udo Lindenberg und Revolverheld sind kommerziell erfolgreich und eben nicht seelenlos. Aber die Debatte, die Böhmermann anstößt, ist wirklich wichtig und spannend. Da hat Campino von den Toten Hosen recht, der verschnupft auf den dünnen Mann aus Bremen reagiert hat. Auch weil Böhmermann ihn auch schon aufs Korn genommen hat für seine einstige Punk-Popmusik, die inzwischen auch ohne Probleme auf CDU-Partys läuft. Missstände kritisieren ist das eine, aber wo bleiben die konstruktiven Verbesserungsvorschläge? Tatsächlich ist es in Zeiten der Internetgratiskultur, von Streamingdiensten und Youtube-Clips, bei denen finanziell nur herzlich wenig bei den Künstlern ankommt, ein echtes Problem für Musiker, Autoren und Zeichner gleichermaßen.

Etwas geschockt hinterließ mich diese Woche die Meldung, dass Kate Nash ihr viertes Album per Kickstarter  finanzieren will. Die Britin hatte mit dem Album „Made of Bricks“ 2007 ein Debütalbum mit veritablen Hits („Mouthwash“, „Foundations“ usw.). Meiner Meinung nach spielt sie in einer Liga mit einer Lily Allen oder Ellie Goulding. Sie hat sich für Crowdfunding entschieden, damit sie unabhängige Künstlerin bleiben kann. Radiohead und andere Musiker haben solche Spenden von Fans bereits zuvor genutzt, bei Nash gibt es dazu umfangreiche Belohnungsangebote für Finanziers: vom Hausgig für 5.000 US-Dollar über die einfache CD bis hin zu Paketen aus signiertem Vinyl, T-Shirt, Erwähnung im Booklet u.v.m. Hier der Link.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.