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Währenddessen… (KW 11)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Daniel: Die zweite Staffel von Jessica Jones hat mich nach Folge 9 nun vollends unbinged. Alles, was die Serie ausgemacht hat, fehlt: Das düstere Setting, die selbstzweifelnde Jessica und natürlich David Tennant als Bösewicht. Was bekommt der Zuschauer stattdessen? Enrique Iglesias als Hausmeister/love interest, Turbo-Trish auf Drogen und Jessicas an den Perückenhaaren herbeigezogene Origin-Stories. Ich möchte nicht spoilern, aber wenn zwei Frauen mit Superheldenkräften einen wegfahrenden Bus an der Stoßstange festhalten und damit bremsen, sind wir fast schon wieder bei Lou Ferrignos Hulk angekommen – unglaublich.

Dabei hätte die Serie das Potential, gesellschaftsrelevante Fragen zu stellen. Wie viel lieber würde ich Jessicas Partner Malcolm 60 Minuten dabei zusehen, wie er mit seinen Dämonen ringt und um seine Menschlichkeit kämpft. Die Autoren haben es geschafft, mir diese eine Figur so positiv zu präsentieren, nur um alle narrativen Möglichkeiten, die entstehen, einfach verpuffen zu lassen. Dabei hätten seine Story und die Figur das Zeug gehabt, Jugendlichen eine Alptraumwelt zu zeigen, in die sie nicht abdriften wollen. Stattdessen muss ich den drei anderen schmerzhaft hanebüchenen Stories minutenlang folgen. Zwischenzeitlich scheinen auch die Autoren der Serie vergessen zu habe, dass Jessia Jones ein Private Investigator ist. Sobald sie das merken, fängt Jessica mitten in der Folge wieder mit dem selbstreflexiven voice-over-Monolog an, der nie so passend war wie in der ersten Staffel. Ich kann nur davon abraten, mit Jessica Jones Staffel 2 seine Zeit zu verschwenden.

Christian: Seth MacFarlanes neue Serie The Orville ist ein netter Mix aus Science Fiction und Comedy und schwelgt dabei in einem Retro-Look, der bewusst an der Optik der ersten Star Trek-Serie angelehnt ist. Auch deren grundethische Haltung wird in The Orville weitergetragen, wenn nicht auf die Spitze getrieben. Die Folge „Planet der Männer“, ausgestrahlt am 6.3.2018 auf Pro 7, hätte auch gut als Argumentationsgrundlage im Ethik-Unterricht dienen können, so thesenhaft war sie. Ein Ehepaar vom Planet der Moclaner bekommt eine Tochter, etwas, was in deren rein männlich geprägten Gesellschaft nur äußerst selten geschieht und routinemäßig durch Operation korrigiert wird. Die Raumschiffcrew der Orville ist jedoch entsetzt von der Vorstellung, ein gesundes Wesen einer unnötigen Geschlechtsumwandlung zu unterziehen. So werden zahlreiche Argumente für und wider eine Operation des Kindes ausgetauscht: Muss man den diskriminierenden Eingriff durchführen, nur weil die Konventionen einer fremden Gesellschaft es fordern? Ist die Geschlechtsumwandlung wirklich gleichzusetzen der Operation einer Gaumenspalte? Was ist mit dem Brauch, Kinder zu beschneiden? Aber darf man diese Gesellschaft deshalb vorschnell verurteilen? Und was bedeutet es, dass Frauen ja tatsächlich nur ein Ausnahmephänomen in der moclanischen Gesellschaft sind? Darüber hinaus fällt auch dem Umstand, dass die Moclaner erfolgreich die Ehe zwischen Männern praktizieren, Gewicht zu. Das alles ist Ethik mit dem Holzhammer, und ich frage mich, ob die aufgeworfenen Fragen manipulativ sind oder ob es sich um eine didaktische Reduktion handelt, um die Fragen unserer Zeit zuzuspitzen? Untern Strich bleibt The Orville solide Science-Fiction in der Tradition von Lem und Roddenberry.

Niklas: Ich sollte mehr Mangas lesen. Also habe ich das getan. Naoki Urasawas Pluto basiert auf Osamu Tezukas Geschichte Der beste Roboter auf Erden, die ich leider nie gelesen habe, aber vielleicht nachholen werde. Das große Thema der Geschichte sind künstliche Intelligenz und ihre Grenzen. Die Hauptfigur von Pluto, der deutsche Ermittler Gesicht, ist ein Roboter mit menschlichen Aussehen, der eine mysteriöse Mordserie aufklären soll. Immer wieder lassen Menschen herabwürdigende Kommentare darüber ab, dass er keine Gefühle besitzt und daher auch nicht die Komplexität der menschlichen Existenz zu verstehen vermag. Doch er hat eine Frau, die er liebt (oder glaubt zu lieben) und zeigt immer wieder Mitgefühl mit Menschen und anderen Maschinen. An manchen Stellen scheint er auch zu verzweifeln und so wie er immer wieder sein Leben für andere riskiert, ist es vielleicht wirklich unfair wie ihn seine Vorgesetzten behandeln. Solche Gedanken werden ihn aber nicht bei der Lösung der Morde helfen, an deren Tatorte er immer wieder das Zeichen eigenartiger Hörner findet …

Pluto ist ein spannender Krimi, der es außerdem schafft Verschwörungen und epische Kämpfe zwischen Robotern in die Geschichte einzuweben, ohne dass es unpassend wirkt, auch wenn mir die Ermittlungen am besten gefielen. Denn in diesen gelingt es Urasawa Gesicht als einen komplexen Charakter darzustellen. Ein Charakter mit Ecken und Kanten, aber trotzdem kein nihilistischer Schwarzseher, der eine Menge Menschlichkeit zeigt, obwohl ihm seine Umwelt anderes unterstellt. Eine klassische Heldenfigur also, die trotzdem über Komplexität verfügt und mich mitfühlen lässt. Seine Sichtweise hätte auch vollkommen gereicht, um den immer komplexer werdenden Plot zu halten, aber Urasawa möchte nicht nur über das Leben eines Roboters schreiben, sondern auch über die Wurzel des Hasses und die Nutzlosigkeit von Kriegen, so wie es Osamu Tezuka später mit seiner Serie Adolf tat. Ein bisschen Kritik an die Ära Bush kommt auch noch dazu (schade wie aktuell die wieder ist).

Die Roboter und ihre existenziellen Ängste bleiben allerdings immer noch der interessanteste Teil von Pluto. Wir sehen immer hochentwickeltere Modelle, die aber trotzdem an ihren Körper gebunden zu sein scheinen. Aber müssten sie nicht einfach den Körper wechseln, solange ihre Software intakt ist? Ist echtes Leben mit Körperlichkeit gleichzusetzen? Ich weiß es nicht und ich bin auch noch etwas unentschlossen was das Ende der Serie angeht, aber irgendwann werde ich Pluto noch einmal lesen. Gesicht ist mir dann doch zu sehr ans Herz gewachsen.

Christian: Was heutzutage alles Eskapismus sein kann. Mit schöner Flucht in fantastische Traumwelten hat die von Tom Hardy und Ridley Scott produzierte Serie Taboo (Amazon Prime, bisher eine Staffel) jedenfalls nicht viel zu tun. Trotzdem ist Taboo natürlich Realitätsflucht pur, denn die Art und Weise, wie der von Tom Hardy gespielte James Delaney seine Probleme löst, vereinigt in etwa Batman, The Shadow, Punisher, Long John Silver, Dick Turpin, den Roten Korsar und Hannibal Lecter in einer Person. Er ist absurd schmerzresistent, kennt aber gleichzeitig zahllose Methoden, seinen Gegnern Schmerzen zuzufügen. Als genialer Soldat und Stratege ist er seinen Feinden immer die entscheidenden zwei Schritte voraus, und am liebsten bringt er seine Feinde mit zwei kleinen Sichelmessern um. Wenn er wieder einen seiner Anfälle hat, kommt es vor, dass er ihnen auch ein Stück Fleisch aus der Kehle beißt. Das hat er in Afrika gelernt.

So einer ist schwer in den Griff zu kriegen, und Drehbuchautor Steven Knight hat auch seine liebe Müh, den Plot in der Bahn zu halten. Geht es um eine Erbangelegenheit, oder ist der Aufhänger nur ein McGuffin, um mehrere Parteien gegeneinander aufzuhetzen? Geht es um das inzestuöse Verhältnis Delaneys zu seiner Halbschwester, immerhin heißt die Serie Taboo? Aber warum wird dieser Teil der Story dann nicht ausreichend vertieft? Am Ende schlägt die Erzählung jedenfalls ein paar Haken zu viel. Vorhersehbar war dieses Ende zwar nicht, deshalb mag das Überraschungsmoment geglückt sein, aber kompaktes Erzählen stell ich mir trotzdem anders vor. Immerhin ist Taboo eine reißerische, kleine Kolportage und steht damit irgendwie auch in der Tradition von Karl Mays Waldröschen – das tatsächlich sehr empfehlenswerter Eskapismus ist.

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