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Links der Woche 43/16: Das war dein Leben

Der Schöpfer weltweit bekannter Propagandacomics ist gestorben, U-Comix sucht Unterstützer und Idioten verjagen eine Autorin von Twitter.

© Chick Publications

© Chick Publications

R.I.P. Jack Chick, comics scaremonger
A.V. Club, Ignatiy Vishnevetsky
Kaum jemand nutzte Comics als Propagandamedium so ausdauernd und lange wie Jack T. Chick, der am 23. Oktober im Alter von 92 Jahren verstarb. Der evangelikale Christ predigte seit den 1960er Jahren seine fundamentalistischen Überzeugungen in Form der sogenannten „Chick tracts“ – kleine Comichefte im Querformat, teils von ihm selbst gezeichnet, die moralische Geschichten erzählten und die Leser am Ende stets aufforderten, sich zum christlichen Glauben zu bekehren. Die „tracts“ gibt es in vielen Sprachen, auch auf Deutsch, sie können für sehr wenig Geld in großen Stückzahlen bestellt und dann verteilt werden, so dass man auch hierzulande immer wieder mal auf eines der Heftchen stoßen kann. Trotz oder gerade wegen des grotesken missionarischen Eifers, mit dem Chick nicht nur gegen Rockmusik und Rollenspiele, sondern auch gegen Katholiken, Muslime und Juden wetterte, hatte er auch eine Schar „ironischer Fans“, darunter nicht wenige Comickünstler, die seine Traktakte sammelten und sich teilweise in Parodien darüber lustig machten. Einige Zitate von Comiczeichnern über Chick sammelt ein Artikel in New Rebublic mit der arg lärmenden Überschrift „Jack T. Chick Was the Leni Riefenstahl of American Cartooning“. Wer sich richtig ausgiebig mit Chick beschäftigen will, muss dieses PDF lesen, eine Ausgabe von Daniel Raeburns Essay-Reihe The Imp, gestaltet im Stil der Chick tracts und mit einem alphabetischen Index aller Themen und Figuren, die in Chicks Comics auftauchten.

Remembering Steve Dillon, by Garth Ennis
downthetubes.net, Garth Ennis
Den unerwarteten Tod von Preacher-Zeichner Steve Dillon mussten wir schon in den letzten Links der Woche beklagen. Ausführliche Rückblicke auf dessen Leben und Werk konnte ich bislang nicht finden, dafür meldeten sich zahlreiche Freunde und Kollegen auf Twitter und Facebook mit sehr persönlichen Erinnerungen an den Verstorbenen. Bleeding Cool hat viele davon zusammengetragen (Teil 1, Teil 2). Der oben verlinkte Abschiedstext stammt von Garth Ennis, jenem Autor, mit dem Dillon am meisten und am erfolgreichsten zusammenarbeitete.

U-Comix is creating U-Comix, das legendäre Comic-Magazin für Erwachsene!
Patreon, Steff Murschetz
Letzte Woche erschien Ausgabe 195 des Magazins U-Comix, welches von Steff Murschetz 2013 wiederbelebt worden ist. Möglicherweise ist das die letzte, denn unlängst hatte Murschetz angekündigt, U-Comix aus finanziellen Gründen einstellen zu müssen. Vorher aber versucht man nochmal, Unterstützung per Crowdfunding zu mobilisieren: Bei Patreon kann man nun einen selbstgewählten Betrag als Finanzspritze für das nächste Heft spenden. Leider fehlen hier die bei Crowdfunding-Projekten fast immer üblichen Belohnungen als Anreiz für potenzielle Geldgeber. Die Möglichkeiten, die eine Plattform wie Patreon hier bietet, nutzt U-Comix damit leider nicht aus.

Comic Jam 2016: Das Projekt
diedruckerei.de Magazin, Anja
Im Auftrag einer Online-Druckerei entstand über die letzten Wochen ein zwölfteiliger Online-Jamcomic, der in Kürze auch als gedruckter Kalender aufgelegt wird. Darin tritt ein Superheld an, den gefürchteten Papierstau zu besiegen. Mit dabei sind bekannte Namen aus der Webcomicszene wie z.B. Maximilian Hillerzeder, Sarah Burrini, Adrian vom Baur, Schlogger oder die „Buddelfisch“-Leute.

Mockingbird Is There For Us: Who Will Be There For Her Writer?
Graphic Policy, Elana Brooklyn
Wieder mal hat es ein Rudel von Trollen und Hassrednern geschafft, mit einer Flut von verbalen Attacken jemanden aus einem sozialen Netzwerk zu vertreiben. Die Bestsellerautorin Chelsea Cain, die nach etlichen erfolgreichen Thrillern erstmals auch einen Comic geschrieben hat, nämlich einen eben beendeten Run der Marvel-Serie Mockingbird, löschte letzte Woche ihren Twitter-Account, nachdem sie dort pausenlos belästigt und angepöbelt wurde. Als Romanautorin sei ihr das nie passiert, schrieb sie, aber „I’m amazed at the cruelty comics brings out in people“ (einige der nicht mehr bei Twitter verfügbaren Tweets sind hier nachzulesen). Auslöser für die Hasswelle war wohl das Cover der aktuellen Mockingbird-Ausgabe, auf dem die Heldin ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ask me about my feminist agenda“ trägt – auf so einen Schlüsselreiz scheint der Mob unweigerlich zu reagieren.